Destillierte Ressourcen aus meiner Kinderwunschzeit
Vor Kurzem war ich mit meinem Mann in Rom, der ersten Stadt, in der ich als junge Erwachsene lebte und in die ich nach sechzehn Jahren zum ersten Mal zurückkehrte. Solche Wiederbegegnungen mit bedeutungsreichen Orten haben eine besondere Art, Lebenslinien sichtbar zu machen und Reflexionen anzuregen. So saßen wir eines Abends beisammen vor einem Glas Weißwein aus den Colli Romani, unsere Tochter schlief bereits, und sinnierten darüber, was uns durch die Jahre unseres schwer zu erfüllenden Kinderwunsches tatsächlich getragen hatte. Und wir stellten fest: Neben der Verbindung zu realen Menschen, die uns schließlich zur Gründung von Persephone führte, waren es oft nicht die kinderwunschspezifischen Ratgeber, sondern ganz andere Texte, Stimmen und Ressourcen, die uns in unterschiedlichen Phasen Halt gaben.
4 Begleiter:innen für 4 Reiseetappen
Einige dieser Begleiter:innen aus unserer Kinderwunschkrise möchte ich hier teilen. Texte, Stimmen, Musik, die mich persönlich tief angesprochen haben, jeweils in ganz unterschiedlichen Phasen meiner Reise. Vielleicht findet sich darunter auch für Dich etwas, das Dich gerade jetzt erreicht.
Nach meiner ersten Fehlgeburt, noch bevor medizinisch klar war, dass wir tatsächlich vor Fruchtbarkeitsherausforderungen standen, stieß ich in Michelle Obamas Autobiografie, in Kapitel 13, auf wenige unerwartete Seiten, die mich tief trafen. “There was one big wrinkle in our happines.”, las ich mit Überraschung, “We were trying to get pregnant and it wasn’t going well.” Obama beschreibt ihre Fehlgeburt und IVF-Erfahrung sachlich, würdevoll, ohne Dramatisierung – und gerade darin lag für mich eine große Entlastung.
Nachdem ich schon ein, zwei Bücher zum Thema aus meinem E-Book-Reader gelöscht hatte, maßlos genervt von ihrer sentimentalen Sprache und fast fremdbeleidigt ob der Gleichsetzung von Fehl- und Stillgeburten, fand ich hier zum ersten Mal eine Sprache, die zu meinem Erleben passte, die es nicht beschwichtigte, aber auch nicht überdramatisierte. Es war tatsächlich weniger eine inhaltliche Hilfe als ein sprachliches Angebot: eine Art, über Verlust und Enttäuschung zu sprechen, die mir erlaubte, mich selbst ernst zu nehmen und meinen Verlust – der Schwangerschaft aber auch der Leichtigkeit und des naiven Vertrauens in unserer Familienplanung – zu erfassen.
Und es war eine leise, unbeschönigte, kritisch reflektierte Vorbereitung auf die IVF-Jahre, die für uns auch noch kommen würden. Auf die Arbeit und Belastung, die künstliche Befruchtung mit sich bringt, und das Ungleichgewicht, das sie in einem Paar beleuchtet.
In einer späteren Phase, als sich die Krise bereits zugespitzt hatte, mitten in IVF-Behandlungen, schlaflosen Nächten und wiederholten Verlusten, kam der Franziskanermönch und Mystiker Richard Rohr in mein Leben. Das erste Buch von ihm war für mich The Universal Christ, gefolgt von weiteren Schriften und Podcasts des von ihm gegründeten Center for Action and Contemplation.
Rohrs Werk erwähne ich hier weder als religiöses Werk im engeren Sinn noch als Einladung zu einem bestimmten Glauben. Ich finde, er bietet unter anderem einen universellen, psychologisch fundierten Deutungsraum für Erfahrungen von Erschütterung, Kontrollverlust und Wandlung. In Yes And… A Year of Daily Meditations beschreibt er zum Beispiel, wie Krisen Menschen aus den Selbstverständlichkeiten und den ringenden Anstrengungen der „ersten Lebenshälfte“ herauslösen können, aus dem Streben nach Sicherheit, Anerkennung, Leistung und gelingenden Lebensentwürfen. Und vor allem: Wie sie in eine tiefere Auseinandersetzung mit Sinn, Schatten und dem eigenen Selbst führen können.
In meiner Erfahrung begann sich hier vorsichtig eine neue Perspektive zu öffnen: dass es, so schmerzhaft und ungewollt unsere Erfahrung von Unfruchtbarkeit war, auch ein Glück sein konnte, vergleichsweise früh mit diesen Fragen konfrontiert zu werden. Nicht als Trost und nicht als Verklärung unserer reproduktiven Krise, sondern als Möglichkeit, Prioritäten neu zu ordnen, biografische Entscheidungen zu überprüfen und Gestaltungsspielräume zu entdecken, für die später im Leben manchmal weniger Zeit oder Kraft bleibt. Diese Sichtweise nahm meiner Kinderwunschkrise nichts von ihrer Schwere oder Spezifität; sie half mir aber, sie als eine von vielen existenziellen Krisen des Menschseins zu begreifen: nicht austauschbar, aber auch nicht isoliert. Als Teil eines Lebens, das ohne Brüche nicht auskommt. There is a crack, a crack in everything. That’s how the light gets in– in Leonard Cohens Worten.
📘 Ungestillte Sehnsucht – Wenn der Kinderwunsch uns umtreibt von Millay Hyatt
Mit dieser Offenheit begann ich mich anschließend gezielt auch Kinderwunschliteratur zuzuwenden. Ungestillte Sehnsucht war dabei das Buch, das am stärksten in mir Widerhall fand. Nicht zuletzt, weil es eine gelebte Erfahrung beschreibt, die vieles von dem konkret werden ließ, was ich zuvor auf einer existenziellen Ebene zu erahnen begonnen hatte. Millay Hyatt verbindet eine fundierte, akademisch reflektierte und gesellschaftskritische Perspektive mit der vulnerablen, eloquenter Darstellung der eigenen Kinderwunschgeschichte, in der sowohl Adoption als auch Pflege eine Rolle spielen.
Ich las dieses Buch nach abgeschlossenem Adoptionseignungsprozess, zu Beginn einer jahrelangen Wartephase, in der die Balance zwischen Hoffnung und Unsicherheit nicht immer leicht fällt. Gerade darin half mir Hyatts Haltung, ein Gleichgewicht zu wahren: zwischen der Hoffnung, dass ein Kind seinen Weg zu uns finden würde, und der bewussten Offenheit gegenüber einem Ausgang, der sich nicht erzwingen lässt. Das Buch romantisiert weder Leid noch Lösungen; es zeigt vielmehr, wie Lebensentwürfe ins Wanken geraten können – und wie sich dennoch neue, sinnvolle Wege abzeichnen, ohne dass das Vorangegangene ungeschehen gemacht wird. Hyatts Blick folgend weitete sich auch mein Horizont: weg von einem fixierten Ausgang, hin zu der Frage, was über die eigene Lebensgeschichte hinaus weitergegeben, geprägt und getragen wird.
🎵 Things We’ve Handed Down – Marc Cohn
In der letzten Phase unserer Kinderwunschzeit, als wir nunmehr wenig Vertrauen hatten, dass unser Kind über Adoption zu uns findet und wir uns an einem letzten IVF-Versuch heranwagten, begegnete mir ein Lied eines anderen poetischen Cohens: Things We’ve Handed Down. Es wurde zu einer Art leisem Soundtrack für die letzten Monate einer Zeit, in der offen war, ob und wie wir Eltern werden würden. Der Song spricht auf der wörtlichen Ebene ein Kind an, das noch nicht da ist – und zugleich von Weitergabe, von Prägungen und Spuren, die wir in die Welt setzen.
Für mich hielt dieses Lied zwei Möglichkeiten gleichzeitig aus: die Hoffnung auf ein Kind und die Offenheit dafür, dass sich in unserem Leben auch etwas anderes zeigen könnte. Ich hörte es in meinem 40. Lebensjahr, bewusst als das letzte unserer aktiven Bemühungen um ein Kind. Zugleich war es – ungeahnt – das Jahr, in dem jener Anruf kam, der uns zu Eltern machte.
Gerade in dieser Schwebe half mir das Lied, eine andere Frage lieb zu gewinnen, die sich Eltern wie Nicht-Eltern stellt: was durch uns Gestalt annimmt, wo wir Beziehung und Wirksamkeit finden. Und wozu uns das Leben ruft, jenseits unserer Wünsche und Pläne.
Einladung zum Teilen
Es sind nicht immer große Erklärungen oder Ratgeber, die durch eine Krise tragen. Manchmal ist es ein Satz, ein Kapitel, ein Lied, das zur richtigen Zeit Resonanz findet.
Wenn Du magst, teile gerne in den Kommentaren auch Deine Bücher, Podcasts, Lieder oder andere Ressourcen, die Dich in Deiner Kinderwunschkrise begleitet haben oder begleiten. Oder bring sie gleich zum nächsten Persephone-Treffen mit, als Ausgangspunkt für Austausch.
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